Tollense

Die Analyse und die Beschreibung hydraulischer und stoffhaushaltlicher Parameter in Tieflandge-wässern sind in vielen Fällen sehr diffizil. Es besteht eine erhebliche Vielfalt an Gewässersystemty-pen mit „Unterbrechungen“/Diskontinuitäten hydrologischer, hydraulischer und stoffhaushaltlicher Parameter. Ebenfalls haben die Flussauen einen erhöhten Einfluss auf die Hydrologie und das Ab-flussverhalten. Es kommt z.B. bei Hochwasserabflüssen zu starken, raumgreifenden Ausuferun-gen. Die Vorgänge werden durch ein geringes Gefälle unterstützt. Die daraus resultierenden niedri-gen Fließgeschwindigkeiten fördern die Verkrautung sowohl an der Sohle, als auch an der Bö-schung. Durch die Entfernung der Verkrautung kommt es zu wechselnden Fließwiderständen. Ist gleichzeitig der Kronenschlussgrad gering und die Nährstoffversorgung gegeben, steigt die Primär-produktion. In der Vegetationsperiode sind ausgeprägte Schwankungen des Sauerstoffhaushaltes im Tagesgangmöglich (von starken Übersättigungen bis zu defizitärem Verhalten). Gleichzeitig steigt das Selbstreinigungspotenzial bei Makrophytendominanz. Bisher ungeklärt sind die Mikrohabi-tatverhältnisse, vor allem für den Makrozoobenthos.
Praktische Bedeutung für einen verbesserten Gewässerschutz von Tieflandgewässern haben dabei insbesondere Erkenntnisse

  • zu Umfang und Intensität von Stoffabbau und Stoffretention (auch im Sinne von Ökosys-temleistungen),
  • zu den Prozessen des Sauerstoffhaushalts (physiologisch unmittelbar wirksam, zudem Randbedingung für chemische Prozesse),
  • zu den Gradienten hydraulischer Parameter im Längsverlauf, aber auch in der Querzonie-rung, in Abhängigkeit von Abflusssituationen,
  • zu den hydraulischen Unterschieden vor und nach einer Gewässerunterhaltung (Krautung, Böschungsmahd) im Längsverlauf, aber auch in der Querzonierung; es geht um den Aspekt der notwendigen hydraulischen Leistungsfähigkeit, um die Habitatqualität und von daher um die Möglichkeiten schonender und entwickelnder, artenschutzkonformer Gewässerunterhal-tung (vgl. § 39 WHG, §§ 39 ff. und 44ff. BNatSchG),
  • zum Zusammenhang von Mikrohabitatformen mit der Besiedlung von Ar-ten/Lebensgemeinschaften des Makrozoobenthos sowie
  • zu den Möglichkeiten der Interpretation und Einbeziehung räumlich hochaufgelöster Gerin-nedaten für morphologische Bewertungsverfahren.

Ein repräsentatives Tieflandgewässer ist die Tollense, im speziellen ein ca. 30 km langer Gewässerabschnitt  vor der Einmündung in die Peene bei Demmin. Der untere Teil des Flussabschnittes kann einer hydraulischen Beeinflussung durch Rückstau aus dem Haff unterliegen. Aufgrund von Begradigungen ist die Fließgewässerstrukturgüte nach Sohle und Ufer überwiegend nur Güteklasse 4 und somit als “erheblich verändert (HMWB)” ausgewiesen. Der LAWA-Typ wurde nach Expertenmeinung als Typ 12 “Organisch geprägter Fluss” definiert. Bisherige Ergebnisse des biologischen Monitorings lassen die Zielerreichung “guter ökologischer Zustand” bis 2027 nicht erwarten. Es gilt daher zu untersuchen, in wie weit derzeitige Nutzungen des Gewässers eingeschränkt werden müssten und welche weiteren Maßnahmen erforderlich sind, um die Zielerreichung der WRRL zu ermöglichen.